Veranstaltungsreihe zum EugenBolzRaum: Szenische Lesung
icon.crdate21.01.2026
Szenische Lesung in der EBR beeindruckte das interessierte Publikum.
Im Rahmen der Veranstaltungsreihe zum EugenBolzRaum fand am 14. Januar in der Aula der Eugen-Bolz-Realschule eine szenische Lesung statt.
Karl Maier (1881-1963) aus Steinheim am Albuch ließ sich nicht von der Nazi-Propaganda blenden. Seine Tagebucheinträge sind ein einzigartiges Dokument der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus aus der Perspektive eines schwäbischen Arbeiters. Er repräsentiert exemplarisch den in Württemberg typischen Fall eines vom Protestantismus geprägten, mit eigener Nebenerwerbslandwirtschaft ausgestatteten Arbeiters, der im Laufe der Hochindustrialisierung vom Heimweber zum Fabrikarbeiter in der Textilindustrie wurde. Der Alltag ist noch ganz von der Landwirtschaft und dem Kirchenjahr in der pietistischen Gemeinde dominiert, und die 9 km Entfernung zu seiner Arbeit in Heidenheim an der Brenz legte Maier zu Fuß zurück. Andererseits führte ihn der Erste Weltkrieg 1916 – 1918 an die Front nach Frankreich, wo er die Schattenseiten der Modernisierung in den Materialschlachten kennenlernte. Maier stand spätestens seit Kriegsende 1918 der Sozialdemokratie nahe, wie nicht wenige Frauen und Männer seiner damals kleinen Heimatgemeinde mit 3000 Einwohnern. Als einer der wenigen hat er Hitlers „Mein Kampf“ 1934 ganz gelesen und sich intensiv mit dessen Thesen auseinandergesetzt – und ist zu einem vernichtenden Urteil über „Hitlers Krampf“ gekommen. Auch nach der Niederlage von Stalingrad, als Maier seine Tagebuchaufzeichnungen wieder aufnahm, bleibt er ein zynischer und bissiger Kritiker der NS-Propaganda und des Krieges, aus dem zwei seiner vier Söhne nicht mehr zurückkamen. Seine Tagebuchaufzeichnungen, die die Jahre 1933-1937 sowie 1943-1945 umfassen, sind periodisch verfasst, also nicht tagweise, und lesen sich wie eine Art innerer Monolog des Autors.
Die Tagebücher eines von harter körperlicher Arbeit, Entbehrung und wenig Schulbildung geprägten Arbeiters vom Lande aus der Zeit des Nationalsozialismus sind historisch eine „Sensation“ (Wolfgang Benz). Im Falle von Karl Maier belegen sie deutlich die oppositionelle Haltung auch einfacher Leute trotz Propaganda und „Volksgemeinschaft“. Maier ist bereits 1933 als Christ und Sozialdemokrat ein entschiedener Gegner des Nationalsozialismus und bleibt dies bis zum bitteren Ende. Seine Resistenz bleibt jedoch, soweit erkennbar, ganz privat und nur in der Niederschrift seiner Gedanken, öffentlich tritt er nicht gegen den NS-Staat in Erscheinung.
Karl-Heinz-Kocka, Diplomtheologe, wurden durch Zufall lose Blättern, die in der alten Sütterlinschrift verfasst waren, zugetragen. Bald bemerkte er, welche Bedeutung diese Blätter haben könnten. Er ließ sie vom bekannten Historiker Wolfgang Benz begutachten, der die historische Sensation bestätigte. Karl-Heinz-Kocka transkribierte die Blätter und gab sie mit Unterstützung der Elser-Gedenkstätte Königsbronn heraus.
Um sie einem breiten Publikum zugänglich zu machen, konnte er Oliver von Führich für die szenische Lesung gewinnen. Am Abend in der Eugen-Bolz-Realschule las Karl-Heinz-Kocka Zeitungsauszüge und Propagandaparolen aus der Zeit des Nationalsozialismus vor. Oliver von Führich trug die originalen Bemerkungen und Einschätzungen Karl Maiers vor. Die Zuhörer wurden in die Welt der Propaganda, des Hasses und der Menschenverachtung von Seiten der Nationalsozialisten zurückversetzt. Scharfsinnig und bissig wurden sie zugleich von Karl Maier (alias Oliver von Führich) analysiert. Selbst kleinste Äußerungen blieben ihm nicht verborgen. Das politische und gesellschaftliche Geschehen im Kleinen wie im Großen beobachtete er und setzte sein christlich und demokratisches Weltbild der Ideologie des Nationalsozialismus entgegen. Schonungslos kritisierte er in seinem Wochenbuch die Machenschaften und Verbrechen des Nationalsozialismus. Schon 1934 erkannte Karl Maier, wohin der Weg des Nationalsozialismus führen wird.
Musikalisch untermalte die Eugen-Bolz-Combo die Lesung.
Tief beeindruckt und ergriffen verfolgte das Publikum die dargebotenen Szenerien. Das EugenBolzRaum-Team um Barbara Drasch hatte erneut eine hochkarätige Veranstaltung dargeboten.